Das “wurmane” Leben

Die Welt der Würmer unterscheidet sich nicht wesentlich von der der Menschen.

Natürlich handelt es dabei zwar um zwei verschiedene Sorten von Lebewesen, trotzdem sind einige Parallelen im Lebens- und Baustilstil der einzelnen Individuen in der jeweiligen Gesellschaft nicht zu übersehen.

Je nach Beruf, Familienstand, Herkunft und Interessen unterscheiden sich nämlich die Bedürfnisse eines Wurms nicht erheblich von denen eines Menschen.

Ein Wurmkönig braucht sein Apfelschloss so, wie ein Wurmbauer seine Apfelscheune benötigt.
Ein Wurmfamilienvater mit fünf Kindern bedarf eines größeren Apfelhauses als ein kinderloser Wurmsingle, der sich vielleicht mit einer einzelnen Kammer in einem Apfelkern zufrieden gibt.
Ein Wurm, der in einem Apfel eines Baumes auf einer Obstbaumwiese aufgewachsen ist, wird auch als erwachsener Wurm ein Leben in einem ungespritzten Apfel aus ökologischem Anbau dem Leben in einem Gewächshaus vorziehen.
Und ein Wurmbasketballprofi wird sich wegen der benötigten Höhe der Räumlichkeiten seine Basketballhalle in eine Birne anstatt eines Apfels bauen, um in der Spitze der Birne – direkt unter dem Stiel – seinen Korb zu befestigen.

Um diesen Sachverhalt noch einmal zu verdeutlichen, habe ich drei Beispielwürmer plastisch dargestellt. Die drei unterscheiden sich drastisch in ihrem Lebensstil und zeigen dadurch ganz besonders die Parallelen des humanen zum wurmanen Leben auf.

 

Willy Wurm – der Wurm-Single

ist der erste in der Reihe. Er ist einer der oben erwähnten kinderlosen Wurmsingles.

Er ist gutverdienender Wurmhausmakler und leistet sich deshalb ein ganz-äpfliges Wurmzimmer in bester Lage.

Ansonsten gönnt er sich allerdings wenig Luxus – er erfreut sich vielmehr der einfachen Dinge des Lebens:

Jeden Morgen wartet er ungeduldig auf die Bienen, die ihm Honig bringen und gerne mal auf eine Tasse Kaffee und einen Tratsch über die interessantesten Neuigkeiten im Apfelbaum bleiben. Diese Honigbienen sind nämlich immer die bestinformierten Tratschtanten, weil sie über ihren einmaligen Nachrichtentanz verfügen, mit dem sie die spannendsten News weitergeben. (Eigentlich ist dieser Tanz nur für Infos über Nektarquellen gedacht, er wird aber nur allzu gerne für Klatsch und Tratsch missbraucht).

Wilhelm Wurm II. – der Wurm-König

ist der zweite im Bunde.

Er ist Wurm-König und stammt aus einer traditionsreichen, vielbesungenen Wurmfamilie.

Seinem blauen Blut verdankt er auch ein unglaubliches Vermögen, mit dem er sich sein Sommerschloss hat erbauen lassen.
Es handelt sich dabei um ein Freiluftschloss in der Krone eines Apfelbaumes, der als Naturdenkmal ausgezeichnet wurde.
Das Schloss selber wurde aus einem Golden Delicious hergestellt.

Die dachlose Architektur in Kombination mit der Stand- bzw. Hangortwahl des Apfels ermöglicht eine gigantische Aussicht auf das Wurmkönigreich und erfordert ein Aufblicken der Wurmuntertanen zu ihrem König, der ihnen aber ein gutes Staatsoberhaupt ist und sein Ansehen nur genießt, nicht etwa ausnutzt.

Wilhelma Wurm – die Wurm-Hexe

Das letzte Beispiel, das ich in Sachen Wurmleben noch aufzeigen möchte, ist Wilhelma Wurm – die Wurm-Hexe. Wie eine echte Hexe besitzt sie eine schwarze Katze als ihre einzige Mitbewohnerin in ihrem Apfel-Hexenhaus.

Bei ihrem Häuschen handelt es sich um ein ganz geschichtsträchtiges Exemplar, weil es aus dem berühmten vergifteten Apfel aus dem Schneewittchen-Märchen erbaut wurde, was die Färbung der Außenwand eindeutig beweist.

Lange war dieser Apfel unbewohnt, weil sich kein Wurmhausbauer fand, der bereit war, eine Höhle in den vergifteten Apfel zu fressen, bis Wilhelma schließlich ein Gegengift entwickelte und so den Ausbau des Apfels ermöglichte.

Leider steht dieses Haus selbstverständlich unter Denkmalschutz und so erhielt sie keine Genehmigung, einen Ofen hineinzubauen, der ja eigentlich zu jedem echten Apfelhexenhäuschen gehört.

Wilhelma Wurm löste dieses Problem schließlich dadurch, dass sie eine Kirsche auf dem Nachbarbaum anmietete und sie zum Ofen ausbauen ließ.

Ich denke, dass diese drei Beispiele die Parallelen zwischen Mensch und Wurm sehr gut verdeutlicht haben, und hoffe, dem einen oder anderen selbsternannten Tierkenner die Augen geöffnet zu haben.

Ich möchte dazu aufrufen, aufmerksamer durch Wald und Garten zu gehen, und freue mich bereits auf meine Igel-Safari im kommenden Herbst, deren Ergebnisse die Tierforscher in aller Welt schon gespannt erwarten.

Christine Trexler-Walde, August 2001